Apollonischer Torso – der Sinn der Aufmerksamkeit
Die Welt ist voller Ereignisse. Doch die Aufmerksamkeit der Poesie ordnet das, was wir erleben, auf andere Weise. Ein Baum kann mehr sein als er selbst, eine Wunde mehr als der Schmerz, ein verlorener Mensch mehr als die Abwesenheit, die er hinterlässt. Nicht weil die Poesie die Wirklichkeit verschönert, sondern weil sie etwas sichtbar macht, das bis dahin verborgen geblieben ist. Sie erklärt nicht unbedingt, warum uns etwas widerfährt. Vielmehr zeigt sie, was alles in dem liegt, was geschehen ist.
Simone Weil erkannte in der Aufmerksamkeit eine grundlegende Fähigkeit des geistigen Lebens. Aufmerksam zu sein bedeutet, für eine Weile beiseitezulegen, was wir zu wissen glauben, und dem anderen Menschen und der alltäglichen Welt zu erlauben, sich uns in ihrer Wirklichkeit zu zeigen. Aus dieser Aufmerksamkeit entsteht die Poesie. Sie eilt nicht zur Bedeutung: Zuerst nimmt sie wahr. Sie hält uns bei dem auf, woran wir sonst vorübergehen würden.
In Rainer Maria Rilkes Gedicht Archaïscher Torso Apollos wird eine fragmentarische Statue zum Ausgangspunkt einer solchen Begegnung. Die Aufforderung am Ende des Gedichts – „Du mußt dein Leben ändern“ – bringt eine überraschende Wendung. Bis dahin hat der Betrachter das Kunstwerk betrachtet; nun aber hat er das Gefühl, dass das Kunstwerk auf ihn zurückblickt. Der Torso ist unvollständig und doch mit einer solchen Intensität gegenwärtig, dass in dieser Begegnung der Betrachter selbst infrage gestellt wird. Das Kunstwerk sagt uns nicht, wie wir leben sollen. Es schafft einen Augenblick, in dem wir nicht mehr ganz so weiterleben können wie zuvor.
Auch das Leiden hat nicht von selbst einen Sinn. Wir müssen ihm nicht dankbar sein und es nicht in eine übergeordnete Geschichte einordnen. Die Poesie rechtfertigt die Wunde nicht und macht den Verlust nicht ungeschehen. Sie kann jedoch bewirken, dass der Schmerz nicht bloß ein erlittenes Geschehen bleibt. Aus ihm kann Aufmerksamkeit entstehen, aus der Aufmerksamkeit ein Wort, aus dem Wort eine Gegenwart, die auch andere erreicht. Die Wunde bleibt eine Wunde. Doch vielleicht öffnet sich durch sie etwas, das wir ohne sie nicht hätten sehen können.
In Attila Józsefs Gedicht An der Donau erwächst aus einer alltäglichen Wahrnehmung eine Erkenntnis, die über das individuelle Dasein hinausweist:
„Am Kai dicht unten am Wasser hab ich gesessen, / Eine Melonenschale im Blick..."
Der Anblick des Flusses, des Ufers und der davontreibenden Melonenschale eröffnet allmählich eine historische Perspektive. Die persönliche Gegenwart verbindet sich mit der Vergangenheit der Vorfahren und der Zukunft derer, die nach uns kommen. Die Aufmerksamkeit wendet uns nicht von der Welt ab, sondern lässt erkennen, wie tief wir in ihr leben. Die Vergangenheit liegt nicht nur hinter dem Menschen: Sie lebt auch in dem fort, zu dem er geworden ist.
„Was ich vor Augen habe schon seit tausend Jahren, / Wird plötzlich sichtbar, so ist das bei mir. / Was Taudende von Ahnen mit mir sahen, / Ist plötzlich fertig und als Zeitenganzes hier."
Droste, Wilhelm
So bin ich: Seit hunderttausend Jahrenbetrachte ich, was ich plötzlich erblicke.Ein Augenblick – und die ganze Zeit ist vollendet,die hunderttausend Ahnen schauen mit mir.“
Vielleicht besteht deshalb die wichtigste Frage der Poesie nicht darin, warum wir leben, sondern darin, wie wir gegenwärtig sind in dem, was uns gegeben ist. Erkennen wir im Gesicht eines anderen Menschen, was die Gewohnheit verdeckt? Können wir bei einem Baum verweilen, ohne ihn bloß als Teil der Landschaft zu betrachten? Lässt sich etwas von dem bewahren, was vergeht, ohne dass wir versuchen, es zu besitzen?
Das Leben ist nicht unbedingt ein im Voraus geschriebenes Werk, an dessen Ende sich sein ganzer Sinn offenbart. Es gleicht eher einem offenen Text, den wir uns nicht ausgesucht haben und an dessen Niederschrift wir dennoch beteiligt sind.
Durch eine Geste, einen ausgesprochenen oder verschwiegenen Satz, durch die Art, wie wir uns einem anderen Menschen zuwenden. Nicht jedes Geschehen wird verständlich, und nicht jeder Verlust findet eine Auflösung. Doch die Aufmerksamkeit kann verändern, wie wir in all dem gegenwärtig sind.
Der Sinn des Lebens besteht aus poetischer Sicht vielleicht nicht darin, schön zu sein, sondern darin, ansprechbar zu werden. Darin, dass das Leben nicht bloß an uns geschieht, sondern dass wir ihm auf irgendeine Weise begegnen können.
Die Welt wird dadurch nicht weniger fragmentarisch. Der Torso bleibt ein Torso, die Wunde verschwindet nicht, die Leere füllt sich nicht. Und doch kann zwischen den Fragmenten etwas aufleuchten, das bis dahin verborgen war: ein Zusammenhang, eine Erkenntnis, die Nähe eines anderen Menschen.
Vielleicht verlangt Rilkes Aufforderung keine Antwort, sondern nur Aufmerksamkeit. Etwas blickt noch lange in uns weiter.
Gábor Kovács



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